Raum.
Für Architekten.

Neubau AEB Headquarters Stuttgart (2017)

Foto: Roland Halbe

Interview mit Nicole Kempe, Creative Director bei Office Vision, Böblingen

 

/ Nicole Kempe
ist Innenarchitektin und seit 2018 Creative Director bei Office Vision. Die 29-Jährige kommt ursprünglich aus der schönen Südpfalz, ist aber mittlerweile in Mühlacker sesshaft. Also quasi ein „Wirtschaftsflüchtling“. Sie folgte ihrem Mann ins Schwabenland, der in der Automobilindustrie tätig ist, und weiß mittlerweile den Großraum Stuttgart mit seinem hohen Potenzial für Innenarchitekten extrem zu schätzen.

/ Alle reden über NEW WORK. Was bedeutet das für Sie als Innenarchitektin ganz konkret?

„New Work bedeutet für mich als Innenarchitektin, dass ich die Räume so gestalte, dass neue Arbeits konzepte funktionieren, Spaß machen und  sich optimal in ihr jeweiliges Umfeld integrieren. Generell bedeutet New Work aber für jeden Kunden etwas anderes, da jeder eine andere Aus-gangsposition hat. Für den einen ist es die Öffnung mehrerer Einzelbüros in eine größere, zusammenhängende Fläche, der andere möchte ein Desk- Sharing einführen, von dem der Erste noch viele Jahre entfernt scheint. Daher ist dieser Begriff sehr individuell auslegbar.“

/ Was für Konzepte entwickeln Sie denn aktuell für das neue Arbeiten? 

„Wir arbeiten derzeit an verschiedenen Projekten. Von 220 m2 Notariats-fläche bis hin zu knappen 10.000 m2 Fläche in einem Bauunternehmen. An Konzepten ist bei uns also alles vertreten. Wir konnten aber bisher auch Kunden, die konservative Zellenbüros wünschten, davon überzeugen, wenigstens kleine Zwischenflächen zu öffnen und so den Mitarbeitern mehr Entfaltungsspielraum zu geben. Gleichzeitig haben wir sehr mutige Kunden, die von bisherigen Einzelbüros in einen Neubau mit komplett offener Struktur umziehen. In diesen Fällen ist es enorm wichtig, die Mitarbeiter des Unternehmens abzuholen und mitzunehmen. Die Ängste sind immer die gleichen: Der fehlende Schallschutz in Open-Space-Konzepten und ein Mangel  an Rückzugsmöglichkeiten. Solche Ängste können wir den Mitarbeitern durch eine intelligente Anordnung der Arbeitsplätze und Kommunikationszonen sowie den Einsatz von akustisch wirksamen Materialien nehmen. Generell ist der direkte Kontakt mit den Mitarbeitern für uns essentiell. Permanente Mitarbeiterinformation ist in solchen Prozessen für uns Büroplaner Pflicht.“

/ Welche Rolle spielt für Sie der Mensch als Individuum in Zeiten von Großraumbüros und Co-Working Spaces?

„Eine mindestens genauso große Rolle wie zuvor, wenn nicht noch  eine größere. Während die Menschen früher ihr ganzes Arbeitsleben lang in ein und denselben Zellenbüros saßen, wird heute deutlich mehr Wert auf Individualität gelegt. Sicherlich fragt man sich, wie das mit „Großraumbüro“ (Anmerkung: Ich hasse dieses Wort) oder Co-Working Space vereinbart wird, wo ja alle zu sam-mensitzen. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Gestaltung für jeden gleich ist. Die Arbeitsplätze an sich mögen identisch aussehen, jedoch gibt es in jedem Open-Space-Büro Bereiche, wo ich mich entweder zurückziehen, mich mit Kollegen besprechen oder einfach bei einem Kaffee entspannen kann. Jeder Mitarbeiter sucht sich seinen temporären Arbeitsplatz nach seiner aktuellen Tätigkeit und Tageslaune aus.  Konzentriert im Team oder alleine kreativ. Dennoch ist hier Achtung geboten: Denn nicht für jeden Kunden ist jedes Konzept geeignet. Daher untersuchen wir die Arbeitsstruktur des Kunden vorab in individuellen Workshops und empfehlen dann das passende Konzept.“

/ Thema Homeoffice – was empfehlen Sie hier zur Gestaltung des Arbeitsplatzes?

„Oh, da sollten Sie mal meines sehen (lacht) … Aber wie sagt man doch so schön: Der Schuster hat selbst die schlechtesten Schuhe. Also, ich denke, im Grunde braucht man zu Hause nicht viel, um seine Arbeit ordentlich zu erledigen. Ich finde es sehr wichtig, einen abgeschlossenen Raum zu haben, damit ich ungestört arbeiten kann. Auch grundlegende Standards wie ein ausreichend großer Schreibtisch, Laptop mit Monitor und ein Schreibtischstuhl sollten natürlich nicht fehlen. Jedoch findet die „Hauptarbeit“ im Büro vor Ort statt. Nur dort habe ich das zwischen-menschliche Miteinander und spüre den „Stallgeruch“ meines Unternehmens. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin ein großer Befürworter des Homeoffice und nutze dies auch selbst, aber ich denke, dass man für zu Hause nicht allzu viel braucht und das Ganze daher auch nicht überladen sollte.“

/ Von welchen internationalen Trends lassen Sie sich bei Ihrer Arbeit inspirieren?

„Im Moment sind das zwei sehr gegenläufige Trends: zum einen die Digitalisierung, zum anderen aber auch der enorme Wunsch nach „Taktilität“. Das bedeutet, dass wir uns  in dieser schnelllebigen Zeit nach dem ursprünglichen Menschsein sehnen. Übersetzt in die Innenarchitektur heißt das, dass wir natürliche Materialien, Pflanzen und individuelles Mobiliar einsetzen. Auch die „ursprünglichen“ Arbeitsformen boomen. So wird immer öfter der Wunsch nach analogen Kreativräumen geäußert. Bestückt sind diese mit Papier, Stiften, Legofiguren und Bastelmaterialien aller Art. Auf der anderen Seite wird aber auch verlangt, die neuen Medien einzubinden. Wir vernetzen uns über alle Kontinente und sollen möglichst einfach digital zusammenarbeiten können. Unsere Aufgabe bei Office Vision ist es daher, für jeden Kunden den optimalen Weg zu finden. Es ist natürlich auch immer eine Kombination möglich.“

/ Welche Arbeitsformen pflegen Sie bei Office Vision?

„Wir sitzen mit den Kollegen von Meinlschmidt Raumkonzepte zusammen in deren Ausstellungs-fläche am Böblinger Flugfeld. Wir arbeiten also auf einer Co-Working-Fläche mit komplett offenen Strukturen. Zusätzlich zu vielen anderen Büros haben wir daher auch Endkunden, die sich in der Ausstellung umschauen. Wir gehen damit jedoch recht locker um. Möchte ein Verkäufer dem Kunden ein spezielles Produkt vorstellen, kann es durchaus passieren, dass man seinen Schreibtischstuhl ausborgen muss oder kurz die elektrische Höhenverstellung  des Schreibtisches vorführen muss. Alles kein Problem (lacht).“

/ Wenn ein Kunde Ihnen auf 200 m2 Bürofläche völlig freie Hand gibt – wie sähe Ihr New-Work-Konzept dann aus?

„Zunächst wäre die Fläche erst einmal völlig leer, ohne störende Wände. Jedoch sind Trennwände und abgeschlossene Räume auch wertvoll, also würde ich einen großen Besprechungskubus in den Raum stellen. Die Wände lassen sich wunderbar nutzen um sie mit Whiteboards kreativ zu gestalten, gleichzeitig können im Inneren ungestört wichtige Meetings stattfinden. Außen würde ich mit flexiblen Elementen wie Vorhängen arbeiten, um Bereiche temporär abzutrennen. Vorhänge sind meine Allzweckwaffe (lacht) ... Wenn dies einige Kunden oder auch Kollegen lesen, müssen diese bestimmt auch lachen. Aber im Ernst. Vorhänge sind etwas ganz Tolles! Sie können einfach als dekoratives Element eingesetzt werden, oder als viel mehr. Beispielsweise können sie Bereiche komplett akustisch entkoppeln. Ich höre nichts von meiner Umwelt und fühle mich wie in einem abgeschlossenen Raum. Sie können Blendschutz an der Fassade sein oder einfach nur zur Wohlfühlatmosphäre beitragen.

Ansonsten würde ich alle Arbeitsplätze, sowohl technisch als auch von den Möbeln her, genau gleich ausstatten, so dass jeder flexibel an jedem Platz arbeiten kann. Rückzugsbereiche mit Stromanschluss zum konzentrierten Arbeiten und Lounge-Ecken dürfen natürlich nicht fehlen. Auch die Teeküche ist sehr wichtig. Das hört sich jetzt natürlich alles nach sehr viel an, aber man kann in der Praxis vieles auf kleinem Raum unterbringen und diesen dennoch luftig gestalten. Es kommt dabei lediglich auf die Cleverness und Innovationskraft an.“

/ Wie werden wir in zehn Jahren arbeiten und wie sieht unser Arbeitsplatzumfeld dann aus? 

„Ich denke, dass sich die beiden oben beschriebenen Trends noch weiter verstärken werden. Dennoch hoffe ich inständig, dass irgendwann nicht jeder mit einer VR-Brille am Arbeitsplatz sitzt und von seinem Umfeld nichts mehr mitbekommt. Das wäre mein Horrorszenario – den menschlichen Kontakt ganz zu verlieren. Ich hoffe, beide Tendenzen werden sich in Zukunft die Waage halten.“

 

/ Das Team von Office Vision in Böblingen:
(v.l.n.r.): Sandra Schulze (B. A. Innenarchitektur), Nicole Kempe (Creative Director, B. A. Innenarchitek-tur), Matthias Mödinger (Dipl.-Ing. Innenarchitektur), Lara Beilharz (B. A. Innenarchitektur), Jutta Haberkorn (Freelancerin, Dipl.-Ing. Innenarchitektur) und Sandra Schemminger (Planerin)